Regionale Bio-Lebensmittel als Chance für nachhaltige Versorgungssicherheit - packmas.jetzt

Regionale Bio-Lebensmittel als Chance für nachhaltige Versorgungssicherheit

„Seit dem 19. Jahrhundert ging der Anteil von Bio von 100 Prozent massiv zurück und hat sich nun auf ca. 20 Prozent erholt. Da ist also nach oben hin noch viel mehr möglich.“ Der steirische Unternehmer und StartUp-Gründer Thomas Strohmeier initierte 2020 mit seiner Familie die Online-Plattform und den Lebensmittel-Zustellservice „Dein BioBringer“. Wir sprachen mit ihm über die Landwirtschaft Österreichs, den seit Jahren „wieder“ stark wachsenden Bio-Lebensmittel-Bereich und über die Versorgungssicherheit durch die Lebensmittelindustrie.

Christoph Reicho

Packmas.JETZT: Wann und warum habt ihr den Lebensmittel-Zustelldienst BioBringer gegründet?
 
Thomas Strohmeier: Für uns war es schon immer ein wichtiges Thema, wie wir regionale Bio Produkte leichter zugänglich machen können. Als Bio-Landwirtschaft haben wir bereits über zehn Jahre regionale Haushalte & Buschenschänken mit Eiern beliefert. Daher ist der Lieferservice “Dein BioBringer” nun die konsequente Fortsetzung unserer Services mit einem breiten Bio-Lebensmittel-Sortiment. 
 
PMJ: Inwiefern hat die covid19-Pandemie eure Entscheidung zur Unternehmensgründung beeinflusst? Und weshalb?
 
TS: Der erste Lockdown und die zahlreichen Ausgangssperren haben uns den finalen Impuls für die Konzeptionierung & Gründung von „Dein BioBringer“ geliefert. Wir wollten es den Menschen erleichtern zu qualitativ hochwertigen Bio-Lebensmitteln zu kommen.
 
PMJ: Wo liegen deine unternehmerischen Ziele mit BioBringer für das kommende Kalenderjahr 2022?
 
TS: Ein wichtiges Ziel für das nächste Jahr ist die Verlagerung des Lagers nach Graz, um durch die zentralere Lage unseren Kunden näher zu sein und unseren Service dadurch zu verbessern und noch umweltschonender zu gestalten. Das wird durch eine Lastenrad-Logistik in der Stadt und im Umland erreicht sowie durch kürzere Wege bei der Anlieferung. Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Einführung eines maßgeschneiderten Abo-Systems für Grundnahrungsmittel, um für unsere Produzenten eine höhere Planungssicherheit herzustellen. Aktuell sind wir auch dabei, unseren Produkten ein Gesicht zu geben und bauen neben dem Zustellservice ein Schmankerl-Hub in der Innenstadt auf, wo unsere KundInnen 24/7 Zugang zu regionalen Bio-Lebensmitteln haben.
 
PMJ: Was muss bei der Zustellung von Lebensmitteln genau beachtet werden und sind die Auflagen wirtschaftlich rentabel umzusetzen?
 
TS: Lebensmittel-Zustellung ist im urbanen Umfeld generell eine große Herausforderung. Da wären einerseits die zum Teil fehlenden Haltemöglichkeiten bzw. Ausnahmegenehmigungen für das Zustellfahrzeug, andererseits gibt es die von Anbietern unabhängigen Pickup-Boxen, die hoch im Trend liegen. Hier werden meist die der Österreichischen Post AG – die ja mit 52,8 Prozent im Besitz der Republik Österreich ist – verbaut, da diese den Hauseigentümern gratis angeboten werden, jedoch nicht offen für andere Anbieter sind. 
Speziell bei Lebensmittel spielen natürlich Hygiene und Kühlung der Lebensmittel eine wichtige Rolle. Eine besondere Herausforderung ist die Verpackung. Die möchten wir so verpackungsarm und nachhaltig wie möglich gestalten und stoßen hier aktuell aber noch an einige gesetzliche Grenzen. Ein schönes Beispiel aus der Gastronomie ist https://skoonu.com/. Aktuell sind wir mit Ihnen in Kontakt und eruieren, ob sich ein ähnliches Konzept auch auf Fleischwaren & Co anwenden lässt. Außerdem bauen wir unsere eigene Logistik auf, da wir hier alle Parameter selbst in der Hand haben und nicht von den Bestimmungen der Anbieter abhängig sind. Wir können beispielsweise auch kleinere Mengen an Kühlwaren zustellen.

PMJ: Wie viel Konkurrenz gibt es österreichweit und regional? Und: bist du mit den anderen Unternehmen in Kontakt? Würde es Sinn machen zu kooperieren?

TS: In den letzten Jahren hat sich der Markt gut entwickelt und es gibt daher auch einige neue Anbieter, die eine Zustellung anbieten. Mit einigen arbeiten wir bereits zusammen – speziell im Bereich Frischwaren. Ein wichtiges Thema für Kooperationen wären Mehrwegsysteme wie das Best-Case-Beispiel Skoonu. Auch für andere Gebinde würde dies Sinn machen. Um ein Beispiel zu nennen: Bei Glasflaschen tut sich ein einzelner Bauer, Produzent oder Händler schwer – im Verbund wäre dies leichter lösbar. Generell braucht es mehr Kooperation, um die Verfügbarkeit von Bio-Lebensmitteln zu erhöhen, damit noch mehr VerbraucherInnen erreicht werden können.

PMJ: Du hast erzählt, dass du speziell während der Pandemie überschüssiges Obst und Gemüse aufgekauft bzw. via BioBringer angeboten hast und somit verhindern konntest, dass wertvolle Lebensmittel in der Mülltonne landen. Schildere uns dazu bitte einige Details – wie gelang die Umsetzung? Wo lagen die Herausforderungen?

TS: Aktuell verwerten wir unsere Überschüsse selbst. Wir planen allerdings bereits das Zukunfts-Angebot eines „Retter-Abos“, bei dem sich Kundinnen und Kunden anmelden können und dann automatisiert die überschüssigen Lebensmittel zum Top-Preis geliefert bekommen. Herausforderung dabei ist immer die Kommunikation mit unseren LieferantInnen, die häufig selbst nicht wissen, wann sie wieviel und zu welcher Qualität bereitstellen können. Wir arbeiten laufend an einer Verbesserung mit dem Ziel noch kurzfristiger Überschüsse von unseren Produzenten direkt an die BioBringer-KundInnen zustellen zu können.

PMJ: Wird diese Modell des „Ressourcen schonenden“ Zugangs und der „Lebensmittel-Rettungseinsätze“ weitergeführt?

TS: Die beiden Grundsätze sind uns enorm wichtig und werden bei uns aktuell schon umgesetzt. Allerdings möchten wir durch Abos und andere Maßnahmen Lebensmittel-Verluste und verschwendete Ressourcen bereits in der Landwirtschaft selbst reduzieren. Wie gesagt, wir planen mit dem Retter-Abo einen Channel, der den Bauern einen schnellen Absatz der Waren ermöglicht. Wir möchten damit unserem Zero-Waste Ansatz gerecht werden und diesen an die KundInnen weitergeben.

Thomas Strohmeier setzt sich für nachhaltige und regionale Bio-Lebensmittel ein.


PMJ: Wo handelt ihr bei BioBringer ansonsten noch nachhaltig und umweltschonend?

TS: Wir bieten ausschließlich Bio-Produkte an. Wir setzen möglichst wenig Verpackung ein. Wir beziehen den Großteil unserer Produkte direkt aus der Region oder aus Österreich.Wir sind gerade in der Umsetzung einer CO2-freien Lastenrad-Logistik in & um Graz. Weiters erarbeiten wir gerade mit dem Institut für nachhaltiges Wirtschaften eine Bilanz, um weitere Potenziale zu erschließen, damit wir noch ein Stück besser werden.

PMJ: Erste Artikel in der Medienlandschaft berichten von Lebensmittelknappheit und Produktionsausfällen durch den Klimawandel und die unterschiedlichen Naturkatastrophen. So schlägt beispielsweise die italienische Pasta-Industrie Alarm, dass Getreide für die Nudel-Erzeugung ab Frühjahr 2022 fehlen wird. Auch wir in Österreich sind nicht geschützt vor den massiven Auswirkungen des Klimas. Wie siehst du unternehmerisch, aber auch persönlich als Konsument die Zukunft der Lebensmittelversorgung der Menschen in Österreich?
 
TS: Ich sehe einen Trend zu regionalen Lieferketten und dezentralen Betrieben wodurch Totalausfälle wie bei der Fleischproduktion in England vermieden werden können. In Österreich nehmen sowohl die Anzahl an Bio-Bauern, als auch die Bio-Anbaufläche zu, während die konventionellen Flächen abnehmen. Die Bio-Landwirtschaft trägt zum Humusaufbau bei, wodurch mehr CO2 im Boden gespeichert wird und der Boden mehr Wasser speichern kann und widerstandsfähiger wird. Die Bio-Landwirtschaft war immer schon Innovator für neue Anbaumethoden und Vielfalt bei den Produkten – unterschiedlichste Getreidesorten, Tomatensorten und vieles mehr. Damit einher gehen eine größere Artenvielfalt, was auch zur Versorgungssicherheit beiträgt.
Zum Thema Pasta: unser Lieferant produziert beispielsweise in der Nähe von Graz und verwendet dafür ausschließlich Getreide aus der Region. Kleine, transparente Lieferketten bieten hier mehr Versorgungssicherheit, als jene, die über mehrere Länder gehen. Hier kann das Ausfallsrisiko neben klimawandelbedingten Ernteausfällen wie etwa einer Pandemie massiv ansteigen und das merkt der Konsument erst, wenn die Waren entweder ganz fehlen oder sprunghaft teurer werden.
 
PMJ: Du bist selbst in einer Familie groß geworden, die eine große Landwirtschaft führt. Wo siehst du Veränderungen (positiv wie negativ) in den letzten 30 Jahren innerhalb von Österreich?
 
TS: Ich bin in einer kleinen Landwirtschaft groß geworden. Meine Eltern haben stark auf Eigenbedarf bei Gemüse und Obst gesetzt. Für die Vermarktung haben wir vorwiegend Eier sowie gelegentlich Säfte, Nüsse und Ähnliches produziert. Durch die Kindheit auf dem Hof hatte ich das Glück mitzuerleben wie Lebensmittel produziert werden und welcher Aufwand dahinter steckt.
Die Auswirkungen der letzten 30 Jahre sehe ich gemischt. Einerseits hat der Anteil der Bio-Landwirtschaft massiv zugenommen, andererseits hat sich unsere Gesellschaft massiv an die ständige Verfügbarkeit, die riesige, internationale Auswahl an Lebensmittel gewöhnt, was aktuell für regionale Lieferketten eine Herausforderung darstellt. Zum Thema Bio-Anteil möchte ich noch erwähnen, dass seit dem 19. Jahrhundert genau betrachtet der Anteil von Bio von 100 Prozent massiv zurückging und sich nun auf 20 Prozent erholt hat. Da ist also nach oben hin noch viel mehr möglich.

Thomas Strohmeier wuchs auf einer familiär und nachhaltig geführten Landschaft auf (Bio seit 1994).

PMJ: Was würdest du dir als Unternehmer, aber auch als Konsument im Lebensmittel-Bereich seitens der Politik wünschen? Wo braucht es mehr Bekenntnis, Verantwortungsübernahme und nachhaltigere Konzepte & warum?
 
TS: Wir brauchen eine Erweiterung des Lieferketten-Gesetzes: die Nachverfolgbarkeit & Transparenz soll nicht nur im Bio-Bereich, sondern für alle angewendet werden. Wir benötigen außerdem mittels einer UTP-Richtlinie fairere Bedingungen im Bereich Lebensmittel-Produktion und -Handel. Weiters wäre eine sinnvolle Regelung von Mehrwegsysteme hilfreich – im besten Fall möglichst einfach, einheitlich und anbieterübergreifend. Abschließend sollten die Öffnungszeiten von Self-Service-Stores an jene von Automaten angeglichen werden – 24 Stunden, 7 Tage die Woche.

PMJ: Präsentiere unseren LeserInnen bitte abschließend kurz das genaue Service von BioBringer?
 
TS: „Dein BioBringer“ ist der Lieferservice für frische Premium-Lebensmittel ausschließlich aus kontrolliert biologischem Anbau in und um Graz sowie im Bezirk Leibnitz. In unserem Online Shop bieten wir die Möglichkeit, rund um die Uhr die verschiedensten Bio-Produkte – von typisch steirischen Schmankerln über frisches Gemüse, frisches Gebäck und Milchprodukte bis hin zu Frischfleisch, Teigwaren und Säften – zu bestellen. Die Waren, die großteils von lokalen Bio-Bauernhöfen und -Produzenten stammen, werden dann von “dein BioBringer” gesammelt ein Mal pro Woche an die Wunschadresse geliefert.

Über Thomas Strohmeier: 
Unternehmer und StartUp-Gründer Thomas Strohmeier wurde 1994 in der Steiermark geboren und wuchs auf einem Bio-Hof auf. 2013 absolvierte er seine Matura in der HTL Kaindorf. Seit 2013 ist er als Software-Entwickler für diverse Firmen tätig und berät als Consultant und IT-Experte Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen wie Logistik, Handel, Finanz, Immobilien oder Unternehmenssoftware. 2020 initiierte er als Mitgründer die Online-Plattform und den Lebensmittel-Zustellservice „Dein BioBringer“. 

Weitere Infos auf https://biobringer.at/

Fotocredit “Titelbild” & “Familie bei der Kürbis-Ernte”: Fam. Strohmeier

Fotocredit “Portrait”: Oliver Neunteufel

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