Ein Gütesiegel kommt selten allein - packmas.jetzt

Ein Gütesiegel kommt selten allein

Mehr als hundert Qualitätssiegel sollen den Konsumenten in Österreich nicht nur die Auswahl, sondern auch das Gewissen erleichtern. Aufgrund der zunehmenden Flut an Gütesiegeln und fehlender gesetzlicher Rahmenbedingungen und externen Kontrollen bei selbst zurechtgeschnittenen Auszeichnungen, wird es aber immer schwieriger, sich an ihnen zu orientieren. Als Konsument will man schließlich Klarheit haben.

Von Thomas Pisan

Die Qualität, die Herkunft der Rohstoffe sowie nachhaltige Anbau- oder Haltungsbedingungen sind ausschlaggebende Faktoren zu welchen Produkten wir greifen. Damit wir bei der Kaufentscheidung Anhaltspunkte zu Produktionsbedingungen und Herkunft der Produkte haben, geben Gütesiegeln uns das Versprechen, dass gewisse Kriterien und Qualitätsansprüche wie Regionalität, Tierwohl oder Bio eingehalten werden. Wobei jedes Siegel unterschiedliche Ansprüche stellt und Kontrollen unterschiedlich streng gehandhabt werden, jedoch leider zu oft zu wünschen übrig lassen.

Fehlende Transparenz

Mehr als 100 solcher Qualitätssiegel und nochmals so viele „Genussregionen“ gibt es in Österreich mittlerweile. Gesetzliche Regelungen gibt es zurzeit allerdings kaum (lediglich gesetzliche Schranken für private Initiativen), kritisieren Umwelt-NGOs und 2020 sogar auch der Rechnungshof.

Unter welchen Voraussetzungen die Qualitätszeichen im Lebensmittelsektor vergeben werden und wer diese überprüft sei für Konsumenten „nicht oder nur mit unverhältnismäßigem Aufwand“ nachvollziehbar heißt es in seinem Bericht. Zudem fehle es bei von Herstellern, Händlern oder Organisationen kreierten Siegeln an Mindeststandards.

Ob die selbst zurecht geschnittenen Kriterien für die Lebensmittelherstellung auch eingehalten werden, ist für die Konsumenten ebenso wenig ersichtlich, da Produkte mit privaten Qualitätszeichen zumeist nur von eigenen Kontrolleuren überprüft werden und offiziellen Organen für eine tiefergehende Überprüfung hinsichtlich Täuschungsabsicht das Personal fehle. Der RH kritisierte also nicht nur die fehlende Transparenz, sondern auch eine unzureichende Strategie seitens der Behörden gegen mögliche Irreführung und Täuschung.

Wildwuchs im Qualitätssiegel-Dschungel

Was schließlich zu einer inflationären Flut an Lebensmittelkennzeichnungen führte, die es Konsumenten immer schwieriger macht, sich an Gütesiegeln bei der Kaufentscheidung zu orientieren. Letztlich geht die Glaubwürdigkeit verloren und statt Vertrauen beim Konsumenten zu schaffen, können viele Siegel ihr Versprechen gegenüber dem Konsumenten nicht halten. Viele Gütesiegel seien somit „mehr Schein als Sein“, lautete das Urteil der NGOs Global 2000 und Südwind in einem ausführlichen Prüfbericht aus dem Jahr 2017.

Doch trotz eines gestiegenen Bewusstseins (erst recht durch die Krise ist die regionale Herkunft als Einkaufskriterium wichtiger geworden, auch biologische Lebensmittel finden sich immer häufiger im Einkaufswagen) der Konsumenten für Herkunft und Klimaauswirkungen – denn regionale Produkte haben kürzere Transportwege, schonen das Klima und unterstützen die lokale Wirtschaft – hat sich seither nicht viel geändert.

Greenpeace hat daher erstmals 2018 Gütezeichen im Lebensmittelbereich unter die Lupe genommen und 2021 die Bewertungen aktualisiert. Das alarmierende Ergebnis: Rund ein Drittel der 31 überprüften Gütezeichen ist nicht, nur wenig oder nur bedingt vertrauenswürdig. Manche werden sogar als nachteilig für die Erreichung von Umweltzielen beschrieben – etwa das Fischzeichen MSC oder das Palmölzeichen RSPO.

Marketing ist mehr als nur Werbung

Und selbst wenn gesetzliche Regelungen vorhanden sind (in Österreich: beim AMA-Gütesiegel und dem AMA-Biosiegel; auf EU-Ebene: „geschützte Ursprungsbezeichnung“ (g.U.), die „geschützte geografische Angabe“ (g.g.A.), die „garantiert traditionelle Spezialität“ (g.t.S.) sowie das EU-Biologo), bedeutet das noch nicht, dass alle Produkte auch tatsächlich allgemein gültige Nachhaltigkeits-Kriterien erfüllen (aus Übersee importiertes gentechnisch verändertes Futtermittel ist beim AMA-Zeichen zulässig). Laxe Vorschriften geben den Herstellern bisweilen also großen Spielraum bei Herstellung und Verarbeitung.

Zielführend und vertrauenerweckend ist eine Konsumenteninformation, die von der Gnade der Händler und Hersteller abhängt, sowieso nicht. Zwar gibt es selbst auferlegte Gütesiegel-Anforderungen, die über gültige staatliche Regelungen hinausgehen, aber die Kennzeichnung sollte soweit einheitlich geregelt sein, dass nicht erst das Internet befragt werden muss um Einzelheiten zu den Rahmenbedingungen zu erfahren. Schließlich will der Konsument mit einem Blick auf das Produkt Klarheit haben.

Grüne Regierungsverantwortung im Feinkostladen

Immerhin: Ende 2021 hat Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Die Grünen) eine notwendige „Lückenschluss“-Verordnung (eine Verpflichtung zur Weitergabe von Informationen über die Herkunft von Fleisch, Milch und Eiern entlang der Lieferkette von Lebensmittelunternehmen) für die geplante Lebensmittel-Herkunftskennzeichnung erlassen. Laut Stellungnahme des Gesundheitsministers ein „erster großer Schritt in Richtung Transparenz für die Konsumentinnen und Konsumenten bei der Herkunftskennzeichnung in Österreich“. Die Verordnung gilt für inländische Schlacht- und Zerlegungs-, Molkerei- und Eibetriebe und tritt in sechs Monaten in Kraft.

Die im Regierungsprogramm der türkis-grünen Koalition vereinbarte „verpflichtende Herkunftskennzeichnung der Primärzutaten Milch, Fleisch und Eier in der Gemeinschaftsverpflegung (öffentlich und privat) und in verarbeiteten Lebensmitteln ab 2021“ ist allerdings noch ausständig. Man sei noch in Absprache und in Koordinierung, hieß es aus dem Gesundheitsministerium gegenüber der APA. Die europäische Kennzeichnungspflicht für die Herkunft von Lebensmitteln greift derzeit nur bei unverarbeiteten Lebensmitteln wie Obst und Gemüse, Fleisch oder Eier.

Viele Hersteller nutzen das nach wie vor aus und erzeugen mit der Aufmachung ihrer Produkte den Eindruck, die Zutaten stammen aus Österreich, auch wenn das Gegenteil der Fall sei und oft nur die Verarbeitung in Österreich erfolgt. Dem rot-weiß-roten Etiketten-Schwindel müsse daher laut Greenpeace endlich Einhalt geboten werden, zumindest was die Hauptzutaten betrifft.

Geplante Nachbesserungen

Weitere Ziele der Bundesregierung sind die Verbesserung der Kennzeichnung von Lebensmitteln mittels eines durchgängigen freiwilligen Qualitäts- und Herkunftssicherungssystems für Direktvermarktungsbetriebe, Manufakturen und Gastronomie sowie eine Weiterentwicklung des AMA-Gütesiegels u.a. im Bereich Tierwohlkriterien (auch in Basis-Anforderungen, Auslauf, Platzangebot) sowie durch den Einsatz von gentechnikfreien Futtermitteln bei allen AMA-Produkten.

Hier noch eine kleine Auswahl an gängigen Qualitätssiegel und eine Zusammenfassung der Bewertung im Gütezeichen-Guide von Greenpeace:

AMA-Gütesiegel: (bedingt vertrauenswürdig)

Grundlage ist das österreichische AMA-Gesetz ist. Alle AMA-Produkte werden in einem dreistufigen Kontrollprozess aus Eigenkontrolle, externer Kontrolle und Überkontrolle geprüft.

Positiv: Alle Rohstoffe, die in Österreich verfügbar sind, müssen aus Österreich stammen und in Österreich verarbeitet und verpackt werden. Käfighaltung bei Eiern ist ausgeschlossen. Milch, Eier und Geflügelfleisch werden ohne gentechnisch veränderte Futtermittel produziert.

Negativ: Aus Übersee importiertes gentechnisch verändertes Futtermittel wird in Rinder- und Schweinemast häufig verwendet. Tierschutzstandards gehen bei den Basisanforderungen nur selten wesentlich über die gesetzlichen Anforderungen hinaus.

AMA-Biosiegel: (sehr vertrauenswürdig)

Positiv: Geht in einigen Punkten über die EU-Bio-Verordnung hinaus (z.B. 25 Prozent weniger Lebensmittelzusatzstoffe). Herkunftsangabe für alle enthaltenen Zutaten (Zutaten aus anderen Ländern max. ein Drittel). Palmölverbot.

Negativ: Die Transparenz in Sachen Rohstoffe beschränkt sich auf Österreich als allgemeine Angabe. Man kann nicht eruieren, aus welchem Bundesland oder von welchem Verarbeiter die Produkte stammen.

ASC/MSC: (absolut nicht vertrauenswürdig)

Es gibt kein glaubwürdiges Gütezeichen im Wildfisch-Bereich, weder ASC/MSC noch andere berücksichtigen das für die Meeresfauna unabdingbare Vorsorgeprinzip. Der ASC/MSC stellt sich den wirklichen Problemen im Bereich der Meeresfischerei nicht, sondern verleiht dieser ganz allgemein nicht nachhaltigen Industriesparte einen grünen Mantel. Greenpeace bewertet diese Gütezeichen daher als nicht vertrauenswürdig.

EU-Bio-Siegel: (vertrauenswürdig)

Alle Lebensmittel aus biologischer Landwirtschaft (gemäß EU-Bio-Verordnung) müssen EU-weit einheitlich mit dem EU-Bio-Logo gekennzeichnet werden. Allerdings erfüllt das EU-Bio-Gütesiegel nur die Mindestanforderung an Bio-Produkte. Viele andere Biozeichen gehen teilweise weit darüber hinaus (z.B. AMA Bio, Bio Austria)

„Geschützte Ursprungsbezeichnung“ (g.U.), „Geschützte geografische Angabe“ (g.g.A.), „Garantiert traditionelle Spezialität“ (g.t.S.): (wenig vertrauenswürdig)

Die Zeichen haben ihre gesetzliche Grundlage auf EU-Ebene und werden von der EU-Kommission vergeben. Es sind keinerlei Umwelt-, Gesundheits- und Tierschutzstandards vorgesehen, die über das Gesetz hinausgehen. Es ist kein Siegel für regionale Produkte, da das Label gerade für eine EU-weite Vermarktung vorgesehen ist. Es handelt sich also um ein Zeichen, das leicht mit einem regionalen Produkt verwechselt werden kann und daher einen nicht vorhandenen ökologischen Mehrwert suggeriert. Es bietet grundsätzlich keinen ökologischen Vorteil gegenüber Standardprodukten.

Bio Marken im Handel:

Auch Supermärkte müssen sich dem Öko-Vergleich stellen und reagierten mit Sortiments-Verbesserungen bei den Eigenmarken im Bio-Segment. In Mode gekommen sind bei allen großen Super- und Drogeriemarktketten in Österreich eigene Bio-Marken wie z.B. „Ja! Natürlich“ (REWE), „Zurück zum Ursprung“ (Hofer), „Ein gutes Stück Heimat“ (Lidl), „dennree“ (Denns Biomarkt) und „Spar Natur*pur“. Es handelt sich hierbei zwar um keine Gütezeichen, sondern um Marken, die für Produkte in Bio-Qualität stehen und mit dem EU-Bio-Siegel gekennzeichnet werden. Sie werden daher streng geprüft und oftmals gehen deren Standards teilweise auch wesentlich über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus. Auch die Bio-Eigenmarken des Handels sind also garantiert aus biologischer Landwirtschaft und werden seitens Greenpeace allesamt als „vertrauenswürdig“ oder sogar „sehr vertrauenswürdig“ eingestuft.

Fotocredit: Messe Wieselburg

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