Silvio Wolf

Unser gesellschaftliches und wirtschaftliches System hat gewaltige Schwachstellen

Die Corona-Pandemie zeigt mir derzeit wieder einmal recht deutlich, dass unser gesellschaftliches und wirtschaftliches System gewaltige Schwachstellen hat und wohl kaum geeignet ist, allen zu helfen, eine wirtschaftliche und soziale Krise wie diese halbwegs gut zu überstehen.

Silvio Wolf

Ich beschäftige mich seit längerer Zeit mit dem Thema Gemeinwohl. Schon als Kind habe ich mich immer gefragt, wozu man das blöde Geld braucht, das alle nur verrückt macht und warum nicht jede/r von uns einfach das macht, was er/sie gut kann und gerne macht. Es müsste gleichgültig sein, ob man Fach- oder Hilfsarbeiter ist. Die einen können es eben besser als die anderen, das hat vor allem mit Talent und Erfahrung zu tun, aber alle haben die gleichen Grundbedürfnisse, die befriedigt werden müssen. Wenn man dann nicht an einer Entlohnung messen muss, wer die bessere Arbeit leistet, sondern vielleicht daran, dass jemand ein hohes Ansehen in der Gemeinschaft genießt, weil er eben bestimmte Dinge besonders gut kann, dann müsste man auch kein Problem damit haben, wenn trotzdem auch diejenigen, die die Arbeit nicht so gut können, in gleichem Maße Zugang hätten zu allem was da ist – was an sich auch für alle in ausreichendem Maß vorhanden sein sollte, weil ja alle dazu beitragen.

Ich muss allerdings zugeben, dass ich mir diese Gedanken nicht gemacht habe, als ich als Sohn eines Hoteliers in 1970er-Jahren als Kind im Überfluss gelebt habe. Geld war bei uns zuhause kein Thema. Zumindest so lange bis meine Eltern 1979 geschieden wurden. Ab diesem Zeitpunkt war es immer wieder ein Thema, weil es eben knapp war.

„Dafür reicht das Geld nicht.“ und „Das können wir uns leider nicht leisten, weil wir das Geld für etwas Anderes brauchen.“ war dann immer wieder und immer öfter bei uns zuhause zu hören. Hätte mein Großvater meine Mutter nicht finanziell unterstützt wäre nicht einmal unsere Wohnung für uns finanzierbar gewesen. Also dachte ich damals immer wieder warum man überhaupt dieses blöde Geld erfunden hat, man nicht einfach eine schöne Wohnung zur Verfügung hat ohne sie bezahlen zu müssen und ob es uns allen so nicht deutlich bessergehen würde.

Natürlich war das damals sehr kindlich gedacht: Wenn alle für ihre Arbeit nicht „entlohnt“ würden, sondern einfach Zugang zu allem hätten, sodass man davon ein angenehmes Leben führen kann, wären doch alle zufrieden. Ich war überzeugt, dass ich alles verändern würde. Sicherlich dachten auch viele andere wie ich und man würde bald kein Geld mehr brauchen.

Naja, 35 Jahre später hat sich praktisch nichts geändert. Außer mir. Ich habe nämlich meinen Gedanken nicht umgesetzt, sondern bin den gesellschaftlichen Konventionen gefolgt und habe – wie man es mir immer nahegelegt hat – versucht „reich“ zu werden.

Ich war stolz darauf, dass ich es geschafft hatte, meine eigene Firma zu gründen. Ganz ohne Starthilfe von meinen Eltern, einfach nur mit dem was ich selbst erarbeitet hatte und zusammen mit Partnern, die auch kein Geld investieren, sondern sich einfach nur für die Firma einsetzen mussten. Unser Startkapital waren 3 EUR, einer für jeden Teilhaber. Innerhalb von 2 Jahren war aus diesem Unternehmen eine gut funktionierende und jährlich ganz gute Gewinne erwirtschaftende OG geworden. Bis die Wirtschaftskrise 2008 und persönlich unterschiedliche Interessen der Teilhaber dazu führten, dass nach und nach alle Gründungspartner aus dem Unternehmen ausschieden – ich zuletzt im Jahr 2015 und das nicht ganz freiwillig.

Rückblickend hat mir das ein paar Jahre finanziellen Wohlstand gebracht, aber auch viel persönlichen Verzicht, kaum Freizeit, zu wenig Schlaf und schließlich emotionale Not und wirtschaftlichen Ruin, weil für mich die Selbständigkeit vor 5 Jahren in der Privatinsolvenz geendet hat. Zusammengefasst hat es sich wohl kaum gelohnt.

Aber durch diese Erfahrungen bin ich wieder offener für Alternativen geworden. Geld hat heute für mich nicht mehr den Stellenwert, den es die letzten 35 Jahre gehabt hatte. War ich damals nur dem nächsten Auftrag und dem nächsten Hunderter oder Tausender hinterhergelaufen und hatte alles andere hintangestellt, so habe ich durch die finanzielle Umstellung, die mit einer Privatinsolvenz – und in meinem Fall dem Zahlungsplan über 5 Jahre – verbunden ist, viel gelernt.

Diese Umstellung war für mich massiv. Zum einen hatte ich durch ein eineinhalbjähriges Verfahren bis zur Bewilligung des Zahlungsplans eine Gehaltspfändung bis zum Existenz-Minimum zu ertragen und zum anderen hatte ich auch keinen finanziellen Spielraum mehr in Form von Kreditkarten und einer Möglichkeit zur Kontoüberziehung, um kurzfristige Engpässe ausgleichen zu können. Eine völlig neue Situation für mich.

Meine erste Reaktion war, dass ich versuchen wollte, wieder das Einkommen zu erzielen, das ich als Selbständiger hatte. Ich war so sehr in meinem alten Denkmuster gefangen, dass es mir als das erstrebenswerteste Modell erschienen ist, obwohl ich dafür praktisch Tag und Nacht arbeiten hätte müssen.

Stattdessen überlegten wir gemeinsam, was uns wirklich wichtig war und errechneten anschließend wieviel wir verdienen mussten, um das finanzieren zu können. Zu unserer Überraschung war das auch mit unserem damaligen Einkommen gut möglich und wir konnten sogar etwas ansparen, um uns ab und an etwas gönnen zu können.

Heute sehe ich Arbeit als das was sie ist. Als Notwendigkeit um den Lebensunterhalt zu verdienen und nicht mehr als Lebensinhalt und es geht mir damit deutlich besser.

Auch jetzt – im Corona-Umfeld und in Kurzarbeit – geht es mir deutlich besser als früher, obwohl ich gerade mal das halbe Einkommen habe als in der Selbständigkeit. Dafür mache ich mich aber auch nicht mehr selbst kaputt, habe Zeit und vor allem den Antrieb, gesünder zu leben, viel zu unternehmen, mich gesünder zu ernähren, Sport zu machen, etc.

Ich gehöre zu jenen, die aus der Corona-Zeit viel Positives mitnehmen und freue mich, dass es anderen gleich geht.

Natürlich nicht in finanzieller Hinsicht, aber gesundheitlich und persönlich, weil ich die Zeit finde, mich mehr zu bewegen, immer frisch und gesund für uns zu kochen, statt irgendwelche Fertigprodukte zu verwenden, habe Zeit zu lesen, mich persönlich weiterzuentwickeln. Ich habe jetzt Zeit mich um Dinge zu kümmern, die mir persönlich wichtig sind, mehr Zeit die ich mit meiner Frau verbringen kann. Wir erleben in dieser Zeit viel mehr gemeinsam, auch wenn es oft nur ganz einfache Erlebnisse sind, es sind die kleinen Dinge des Lebens, die man miteinander teilt, die wirklich Bedeutung haben. Es geht nicht darum, sich teure Geschenke zu machen.

Ich habe aus meiner finanziellen Not und in der Zeit der Corona-Krise viel persönlichen Nutzen gezogen und habe nun endlich nach über 30 Berufsjahren das Gefühl, dass ich für mich persönlich das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben gefunden habe (in der Zeit der Corona bedingten Kurzarbeit habe ich natürlich noch deutlich mehr freie Zeit). Ich komme mit deutlich weniger Einkommen aus, als ich gedacht hatte – und das ohne das Gefühl zu haben, große Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, dass ich das was ich mir leisten kann, endlich auch genießen kann. Früher hatte ich immer wieder etwas gekauft, um mich zu belohnen, hatte aber eigentlich keine anhaltende Freude daran, weil ich mir nicht die Zeit genommen habe, es auszukosten.

Ich glaube wir müssen uns darauf besinnen, was uns persönlich glücklich macht, was wir tun müssen, um diesen Zustand herzustellen und mit wie wenig Aufwand wir dorthin kommen können. Wie immer ist es eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Wobei die Kosten in der Zeit des hohen Einkommens für mich im Vergleich zum Nutzen viel zu hoch waren. Was hat man davon, sich vieles leisten zu können, wenn man keine Zeit hat, es zu genießen?

Die Ressourcen unseres Planeten sind endlich. Es macht keinen Sinn in diesem Umfeld unendliches Wachstum erreich zu wollen. Immer mehr Geld für immer mehr Konsum, immer mehr Konsum für immer mehr Wachstum der Wirtschaft, immer mehr Wachstum der Wirtschaft für immer mehr Wohlstand. Dabei verarmen wir emotional und als Menschen. Es macht uns egoistischer. Wir haben keine Zeit mehr für andere, nicht einmal mehr für uns selbst. Nehmen wir uns mehr Zeit glücklich zu sein, dafür muss man nicht reich sein. Ich beneide immer noch jene Menschen, die aus der Sicht unserer Wohlstandsgesellschaft praktisch nichts haben und doch glücklich sind. Glücklich, weil sie nichts hinterherjagen, sondern das genießen was verfügbar ist bzw. was sie haben.

Endliche Ressourcen können trotzdem unendlich viel Glück bringen. Wenn jeder ein bisschen mehr auf die anderen achtet, geht es automatisch allen besser. Wir selbst haben es in der Hand, die Welt für uns und unser Umfeld besser zu machen. Mehr auf die Welt in der wir leben zu achten und als Folge die Welt in der wir leben mehr genießen zu können. Wenn wir mehr an das große Ganze denken und weniger an uns als Individuen, werden wir automatisch mehr Rücksicht auf die Umwelt nehmen und werden automatisch mit besserer Luft, weniger Klimakatastrophen und mehr persönlichem Glück belohnt werden. Ich hoffe, dass mehr Menschen diese außergewöhnliche Zeit nutzen um umzudenken und sich nicht mehr von den 10% der Bevölkerung sagen lassen wie wir zu leben haben. Von jenen, die es sich auf Kosten anderer recht gemütlich gemacht haben und andere für sich arbeiten lassen. Arbeiten wir für uns. Für unseren Planeten und unsere Zukunft.

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