Schaffen wir die Energie-Wende? - packmas.jetzt

Schaffen wir die Energie-Wende?

Im Interview mit Packmas.JETZT gibt Diplom-Politologe Alexander Hauk Ein- und Ausblicke zum Thema Energiewende. Der Energie-Experte spricht über existierende technologische Lösungen, politische Verantwortung, die bereits heute katastrophalen Auswirkungen des Klima-Wandels sowie über all jene Schritte und Entscheidungen, die wir erheblich beschleunigen müssen.

Christoph Reicho

Packmas.JETZT: Das Wort Energiewende ist zurzeit in aller Munde. Wie würden Sie diesen Begriff für die breite Öffentlichkeit erläutern?


Alexander Hauk: Unter Energiewende versteht man allgemein die Abkehr von fossilen, gefährlichen und giftigen Energieträgern hin zu regenerativen Energien. Also die Abkehr von Erdöl, Erdgas und Atomenergie hin zu Bioenergie, Geothermie, Wasserkraft, Sonnenenergie und Windenergie.

Packmas.JETZT: Welche Herausforderungen sind mit der „Energiewende“ verbunden?


Hauk: Wir – genauer Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – müssen stärker ins Handeln kommen. Obwohl wir seit vielen Jahren über die technischen Möglichkeiten verfügen, haben verantwortliche VertreterInnen aus Wirtschaft und Politik beim Thema viel zu lange gezögert. Großer Nachholbedarf besteht im Ausbau von Anlagen und der für den Betrieb notwendigen Infrastruktur. In Sachen Energiespeicher und Stromnetze könnten wir längst viel weiter sein. Der Netzausbau ist das Rückgrat der Energiewende. Es wird zwar immer mehr Ökostrom produziert, trotzdem kommt er nicht in die Steckdose, weil die deutschen Netze oft überlastet sind. Der Großteil des Windstroms wird zwar in Norddeutschland erzeugt, die Energie wird aber in den großen Wirtschaftszentren im Süden und Westen der Republik benötigt. Deshalb sind neue Stromtrassen notwendig, die Windenergie aus dem Norden Deutschlands in den Süden bringen.

Packmas.JETZT: Kommt die Energiewende nicht schon zu spät für den sich beschleunigenden Klima-Wandel? 

Hauk: Obwohl längst bekannt ist, dass die Verbrennung von fossilen Energieträgern eine der Hauptursachen der Klimakrise ist, wurden weiterhin Kohlekraftwerke gebaut, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren massiv subventioniert und der Ausbau von erneuerbaren Energien erschwert. Die Quittung erhalten wir jetzt. Weltweit sind die ersten gravierenden Folgen in zunehmender Anzahl beobachtbar: Hitzewellen, Waldbrände und Tropenstürme. Millionen Menschen sind von Rekorddürren betroffen. Die Wissenschaft ist sich einig, dass die Erderwärmung auch bei extremen Regenfällen ihre Hände im Spiel hat. Die längst überfällige Energiewende ist der wichtigste Beitrag zum Klimaschutz. Die Anstrengungen auf diesem Gebiet müssen weiter verstärkt werden. Konkret bedeutet das: Der Ausbau von erneuerbaren Energien, Stromleitungen und Energiespeichern sowie dezentralen Lösungen. Zeit bleibt kaum noch, denn die kritische Erderwärmung um 1,5 Grad Celsius wird bereits 2030 erreicht – zehn Jahre früher noch als 2018 prognostiziert. Bereits 2019 war die CO2-Kozentration in der Atmosphäre höher als zu jedem anderen Zeitpunkt seit mindestens zwei Millionen Jahren. Die gute Nachricht: Laut einer aktuellen Studie könnten Wind- und Solarkraft den weltweit jährlichen Energiebedarf um ein Vielfaches decken.

Packmas.JETZT: Warum braucht der Mensch im Kollektiv – Ihrer Meinung nach – so lange für eine Veränderung seines Verhaltens? Zumal es bereits vor 20 Jahren ExpertInnen gab, die eindrücklich davor gewarnt haben und dazu aufriefen das Konsum- und Nutzungsverhalten der Gesellschaft zu verändern sowie die Wirtschaftswelt nicht ohne Auflagen und strikten Kontrollen agieren zu lassen.

Hauk: Warnungen von WissenschaftlerInnen gibt es bereits seit Jahrzehnten. Zum Beispiel warnte in einem Tagesschau-Beitrag vom 17. März 1995 der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung vor einer Klimakatastrophe. Damals hieß es, dass die CO2-Emmission jährlich um ein Prozent verringert werden müsse, ansonsten wäre ein Gegensteuern in rund 25 Jahren nicht mehr möglich. Wir haben diesen entscheidenden Zeitpunkt also jetzt erreicht. Der Wahlkampf-Slogan von Bill Clinton ist auch heute noch aktuell und gilt nahezu universell: „It’s the economy, stupid!“ So lange einige wenige Unternehmen und Menschen mit gefährlicher Atomenergie und schmutziger Energie aus Kohle und Erdgas Milliarden verdienen, fällt den verantwortlichen EntscheidungsträgerInnen aus der Wirtschaft ein Umdenken und zukunftsfähiges Handeln schwer.

Packmas.JETZT: Zurzeit ist medial breit gefächert von der „Rückkehr der Atomenergie“ zu lesen. Die Atom-Lobbys haben sichtlich die Gunst der Stunde erkannt und versuchen im Rahmen der Energiewende auf EU-Ebene massiv zum Vorteil der Atomenergie einzuwirken. Wie sehen Sie diesen Prozess? Und inwiefern ist es realistisch, dass die Atomenergie der Gesellschaft langfristig hilft den Energiebedarf zu decken und gleichzeitig für eine gesunde und sichere Umwelt zu sorgen?

Hauk: Die Idee, den Klimawandel mit Atomkraft zu bekämpfen, ist falsch und irreführend. Das ergibt keinen Sinn, vor allem mit Blick auf Umweltschutzgründe, denn Atomenergie ist hochgefährlich und zudem völlig unwirtschaftlich. Die Ergebnisse einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen deutlich, dass es sich unter keinen Umständen lohnt in Atomenergie zu investieren – weder in neue Atomkraftwerke noch in die Verlängerung der Laufzeiten bestehender. Zwei Generationen haben von deren vermeintlich günstigen und sicheren Stromversorgung profitiert, mindestens 40.000 Generationen werden nun mit dem hochgiftigen Atommüll leben müssen. Allein die Zwischenlagerung geht mit unabsehbaren Umweltrisiken einher. Und für die Endlagerung des hochgefährlichen und hochgiftigen Atommülls gibt es nach wie vor weltweit keine dauerhafte Lösung. Es ist auch keine Lösung den Atommüll einfach ins Meer zu verklappen, wie es in der Vergangenheit in Europa möglich war und praktiziert wurde. Zum Umweltargument der Befürworter: Der Uranerzabbau ist CO2-intensiv und macht ganze Landstriche unbewohnbar. Das über Atomenergie nun wieder diskutiert wird hat ganz andere Gründe: Sagenhafte Profite. Laut der Freien Universität Berlin machte jedes der bereits abgeschriebenen deutschen Atomkraftwerke in der Vergangenheit rund eine Million Euro Gewinn – pro Tag.

Packmas.JETZT: Als „ressourcen- und umweltschonende“ Energiequellen werden hierzulande die Wasserkraft und die Solarenergie angesehen. Ist es realisierbar durch Flüsse, Gewässer und Sonne hundert Prozent des weltweiten Energiebedarfs zu decken? Und sind die Technologien dafür bereits heute so weit entwickelt, dass wir sie ab sofort in der breiten Masse der Gesellschaft nützen könnten? Allen voran geht es ja stets auch um die Speicherung der gewonnen Energie – und diese setzt aktuell nach wie vor auf für die Umwelt schädlichen Batterien und Akkus?

Hauk: Theoretisch kann bereits heute durch regenerative Energien der Energiebedarf gedeckt werden. Ein Beispiel: Um die ganze Welt mit Sonnenenergie beliefern zu können, bräuchte es rund 450.000 Quadratkilometer Landfläche für Solaranlagen – das sind gerade einmal 0,3 Prozent der gesamten globalen Landmasse. In Deutschland führen immer mehr Städte eine Solarpflicht für Neubauten ein und diskutieren über eine Erweiterung auf Bestandsgebäuden. 2.400 Hektar an Landflächen wären zum Beispiel in Berlin für die Installation von Solaranlagen geeignet, wie der Berliner Senat errechnet hat. Berlin könnte mindestens ein Viertel seiner Strom- und Wärmeversorgung mit Solarenergie abdecken. Hinzu kommen Wasser- und Windkraft. Bei der Windenergie muss sich das Ausbautempo in den kommenden Jahren mindestens verdoppeln, um die Ziele der Energiewende zu erreichen. Erforderlich ist ein Abbau bürokratischer Hemmnisse: Strenge Abstandsregeln wie bisher in Bayern führen dazu, dass kaum neue Windräder gebaut werden können. Es hat sich außerdem gezeigt, dass die Akzeptanz für Windräder vor Ort steigt, wenn Anwohner in deren Ausbau investieren können und an den Gewinnen beteiligt werden. Stauseen und Power-to-Gas-Anlagen können Batterien beim Speichern von Energie ergänzen. Außerdem ist davon auszugehen, dass sich auch Aufbau, Zusammensetzung und Leitung bei Batterien weiterentwickeln werden. Bei den meisten Biogasanlagen wird das entstandene Gas in einem Bioheizkraftwerk zur Storm- und Wärmeerzeugung genutzt. Andere Biogasanlagen betreiben das gewonnene Gas zu Biomethan auf und speisen es ins Erdgasnetz ein. Biogasanlagen wie die der Bioenergie Birkholz können die schwankende Stromproduktion aus Wind- und Solarenergie ausgleichen.

Packmas.JETZT: Selbst wenn wir auf EU-Ebene eine nachhaltige, adäquate und einheitliche Lösung finden – inwiefern können die stark blockierenden Wirtschaftsgroßmächte USA, China oder Russland umgestimmt und in den Prozess der „grünen“ Energiewende eingebunden werden? China hat beispielsweise unlängst unzählige Kohlekraftwerke reanimiert, um den Energiebedarf des Landes im Spätherbst und Winterbeginn 2021 abzudecken – das ist sogar noch ein Schritt zurück und nicht nach vor.

Hauk: Ob wir wollen oder nicht, die vom Menschen verursachte Klimakrise ist da und wird sich weiter verstärken. Alle Industrienationen, auch Länder wie China, Russland und die USA werden sich dem daraus resultierenden Anpassungsdruck nicht widersetzen können. Mit dem Klimawandel lässt sich nicht verhandeln. Je eher die führenden Industrienationen auf regenerative Energien setzen, desto leichter wird die Transformation werden. Welche Folgen hier unterlassener Klimaschutz hat, das mussten 2021 die Menschen in den Hochwassergebieten Deutschlands hautnah erfahren. Wenn wir die Energiewende schnellstmöglich umsetzen und damit die Emission von Treibhausgasen stoppen wollen, geht es nicht um Klimaschutz – es geht um Menschenschutz. Noch aber liegt Deutschland bei der Braunkohleförderung auf dem ersten Platz und fördert insgesamt mehr als Russland und die USA zusammen. In naher Zukunft aber wird Braunkohle nur mehr als Museumsobjekt taugen – in Deutschland und allen anderen Ländern auch. Deutschland hat eine Vorbildfunktion, weil es seit Beginn der industriellen Revolution mit zu den größten Verursachern von CO2 zählt, übrigens noch vor China.

Packmas.JETZT: Welche Möglichkeiten haben die einzelnen Bürgerinnen und Bürger in der Energiewende, welche Schritte und Entscheidungen können wir schon heute autonom treffen?


Hauk: Die Energiewende ist eine Mammutaufgabe. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft – alle müssen an einem Strang ziehen. Damit die Energiewende gelingt, muss auch in Städten und Gemeinden viel mehr passieren als bisher. So hat zum Beispiel die Gemeinde Wildpoldried im Allgäu vor Jahrzehnten selbst die Initiative ergriffen und den Grundstein für eine klimaneutrale Energieversorgung gelegt. Jeder Einzelne ist gefordert und kann zu einer schnellen Energiewende beitragen, etwa durch den Wechsel zu einem Ökostrom-Anbieter.

Packmas.JETZT: Stichwort „Blackout“ – wird er kommen? Und sehen Sie ihn als logischen Teil der Energiewende oder stellt er eine Bedrohung für die gesellschaftliche Ordnung dar? 


Hauk: Deutschland zählt zu den größten Stromexporteuren und hat in den vergangen Jahren den Spitzenplatz eingenommen. Gleichzeitig wird Deutschland nach aktuellem Stand seine Ausbauziele für die Erneuerbaren Energien verfehlen. Das ist wenig hilfreich. Nach Angaben des Umweltbundesamtes hielten sich Erzeugung und Verbrauch in Deutschland bis zum Jahr 2003 in etwa die Waage. Seitdem werde mehr Strom produziert als verbraucht. Das ändert sich gerade. Der Grund: Mit dem Umstieg auf Wind- und Sonnenstrom schwindet die von Wetterbedingungen unabhängige sichere Leistung im Stromsystem. Trotzdem besteht kein Grund zur Sorge. Ein Strommangel ist nach aktuellem Stand nicht zu erwarten. Aber, Deutschland wird in Zukunft stärker als bisher auf Stromimporte angewiesen sein, um in Extremsituationen die Stromversorgung aufrecht halten zu können. Batteriespeicher wie der von WEMAG in Schwerin tragen zur Flexibilisierung des Stromnetzes bei. Sie sind dezentral einsetzbar und können in Zeiten mit viel Wind oder Sonne Strom aufnehmen, den sie in Zeiten von Flaute und bedecktem Himmel in das Netz einspeisen. Batteriespeicher helfen Netzbetreibern das Stromnetz sicherer zu machen und die Netzfrequenz stabil zu halten.

Packmas.JETZT: Können wir als Gesellschaft unser Verhalten ohne Veränderungen beibehalten oder muss sich auch hier ein Paradigmenwechsel vollziehen, damit die Energiewende gelingen kann?

Hauk: Energieversorgung hat viel mit Gerechtigkeit zu tun, aber auch mit Ungerechtigkeit. Das fängt an mit gesetzlichen Rahmenbedingungen, die bewusst und einseitig die alten Energiekonzerne bevorzugen und Stadtwerke sowie unabhängige Ökostromanbieter benachteiligen. Großunternehmen sind von EEG-Umlage und Netzentgelten weitgehend befreit, während die Kosten den BürgerInnen und mittelständischen Unternehmen aufgebürdet werden. Was tun? Sinnvoll wäre das Herunterfahren der zahlreichen Industrieausnahmen bei der EEG-Umlage. Unternehmen sollten nur dann einen Anspruch auf reduzierte Abgaben erhalten, wenn sie sich energiesparend verhalten. Zudem kann die Stromsteuer gesenkt werden. Um eine faire Verteilung der Kosten sicherzustellen, schlagen Verbraucherschützer vor, die Steuereinnahmen an die Verbraucher zurückzuerstatten. Stichwort Mobilität: Beim Flugverkehr kann eine Lösung synthetisch hergestellter Kraftstoff aus Solarenergie und Luft sein. Technisch ist das bereits heute möglich, allerdings sind die produzierten Mengen noch viel zu klein. Klar ist: Dem ÖPNV und Elektroautos gehört die Zukunft. Wir werden sehen, dass Autos mit Verbrennungsmotoren in den kommenden Jahren immer mehr zu Ladenhütern mutieren werden.

Packmas.JETZT: Ihre Energie-Prognose für 2022?


Hauk: Wir müssen die Emissionen auf Null bringen. Dafür müssen das Ende der fossilen Energieversorgung und der Umstieg auf erneuerbare Energien schnellstmöglich umgesetzt werden – in der Industrie, im Verkehrsbereich, im Gebäudesektor und in der Landwirtschaft. Die Technologie dafür ist längst vorhanden. Die Energiewende ist ein Jobmotor und schafft auch in klassischen Branchen viele neue Arbeitsplätze: Produktion, Installation und Betrieb von erneuerbaren-Energien-Anlagen bringen Menschen in Lohn und Brot. Jede in erneuerbaren Energien investierte Million schafft dreimal mehr Jobs, als wenn diese in fossile Brennstoffe gesteckt werden. Zum Ende des Jahrzehnts will Deutschland zwei Drittel seines Stroms aus erneuerbaren Quellen beziehen, bis 2045 klimaneutral sein. Der entscheidende Hebel ist, der Ersatz von Kohle und Gas durch Wind-, Solar- und Wasserenergie. Alles muss viel schneller gehen müssen als bisher geplant. Das Energie- und Klimapaket, auf das sich die Bundesregierung im Juni 2021 geeinigt hat, sieht vor, für 2022 die Ausschreibungsmengen für neue Windkraftanlagen an Land um 1,1 Gigawatt auf vier Gigawatt und für Solaranlagen um 4,1 Gigawatt auf 6 Gigawatt anzuheben. Erleichtert werden soll auch die Erneuerung und Instandhaltung vorhandener Anlagen. Weitere Erleichterungen betreffen neue Solaranlagen sowie den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft.

Über den Autor:

Der Diplom-Politologe Alexander Hauk arbeitet als Pressesprecher und Berater. Zu seinen bisherigen Arbeit- und Auftraggebern zählen mehrere Unternehmen aus der Energiebranche. Während seiner beruflichen Tätigkeit hat er zwar schon einige Kohlekraftwerke und Atomkraftwerke besichtigt, aber die Möglichkeit auf ein Windrad zu steigen, hatte er erstmals 2021. Gerne erinnert er sich an ein Gespräch mit dem Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin, Autor des Buches „Der letzte macht das Licht aus – Die Zukunft der Energie“ zur Energiewende.

Fotocredit: Sophia Lukasch Photogaphy

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